Steigende Stahlpreise - unbegründet und gefährlich?
Die Ausrede Rohstoff: Steigende Stahlpreise - zum Großteil unbegründet und gefährlich. Nach der Krise ist vor der Krise – dieses Gefühl beschleicht derzeit manch ein Blech umformendes oder Federn herstellendes Unternehmen in Deutschland. Kaum sind die schlimmsten Auswüchse der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise in Ansätzen überwunden und der Boden im Hinblick auf die eingebrochene Nachfrage augenscheinlich erreicht, droht neues Ungemach: stark steigende Stahlpreise. Der WSM Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung geht davon aus, dass die Spotmarktpreise im zweiten Quartal bei den meisten Stahlerzeugnissen um mehr als 100 Euro pro Tonne höher liegen werden als noch im Januar. Argument der Stahlhersteller: steigende Rohstoffpreise. „Die Preissteigerungen beim Stahl allein auf die höheren Kosten für Eisenerz und Kokskohle zu schieben, ist eine Ausrede“, sagen Bernhard Jacobs, Geschäftsführer des Industrieverbandes Blechumformung (IBU) und Wolfgang Hermann, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Federnindustrie (VDFI) – beide in Hagen. „Diese Kosten machen nur einen Teil des Stahlpreises aus. Deutliche Erhöhungen dürften nur durch eine nachhaltig verstärkte Nachfrage begründet sein – und die sehen wir derzeit nicht.“ Es entstehe der Eindruck, die Stahlhersteller nutzten die Gerüchte im Markt, um selbst an der Preisschraube zu drehen: Preisdiktate der drei großen Rohstoffproduzenten und der Druck, das bekannte Preissystem mit Jahresverträgen durch Quartalsabschlüsse zu ersetzen. Nur so sei erklärbar, warum bereits im Vorgriff auf tatsächliche neue Abschlüsse zwischen Rohstoff-Lieferanten und Stahlherstellern, die Stahlpreise stiegen. „Da ist ohne Not etwas am Spotmarkt eingepreist worden, für das die mittelständischen Unternehmen nun die Zeche zahlen sollen.“ Gänzlich unbeachtet bleibt dabei in der Diskussion, dass trotz der oligopolistischen Strukturen auf der Rohstoffseite die deutschen Stahlhersteller nicht auf Gedeih und Verderb den großen Drei ausgeliefert sind. Alternative Lieferanten aus Europa und Nordamerika sowie ein gewisser Anteil von Eigenversorgung in Einzelfällen sollten zumindest für eine gewisse Spannbreite bei den Preisen sorgen; hinzu kommen gesunkene Seefrachtraten und Energiekosten. Entscheidender Stichtag für viele Unternehmen der Stahl- und Metallverarbeitung ist der 1. Juli: Dann laufen viele Halbjahres- und Jahresverträge aus und müssen neu verhandelt werden. Jacobs und Hermann: „Für alle Geschäftsbeziehungen muss gelten: Laufende Verträge müssen eingehalten werden. Und insbesondere im Automotive-Sektor kann es auch zukünftig nur Jahresverträge geben. Alles andere ist im Hinblick auf eine reibungslose Umsetzung nicht realisierbar.“ Die zumeist mittelständisch geprägten Unternehmen von IBU und VDFI mussten schon in der Vergangenheit als Zwischenfinanzierer für Automobilhersteller herhalten, da vereinbarte Abnahmemengen nicht abgerufen wurden. „Ohne jegliche mittelfristige Planungssicherheit werden unsere Unternehmen noch mehr zum Spielball der marktmächtigen Teilnehmer in der Wertschöpfungskette. Dabei ist die Grenze der Belastbarkeit schon lange erreicht.“ Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.
